Hände

Ich könnte jetzt schlafen. Wirklich schlafen.

Im Altenheim stirbt jede Woche ein Bewohner. Das ist im Winter so, sagt man mir.

Ich könnte jetzt schlafen, wirklich schlafen.

Wer noch etwas zu erledigen hat, stirbt später, sagen sie. Herr R. Ist der nächste, meint man. „Sind Sie aus Bochum?“, fragt er mich. Nein, ich bin immer hier, erkläre ich ihm. Er ist nur noch ein Strich. Er weiß nicht mehr wo er ist. Bis vor drei Wochen war er ein lieber, belesener Herr, der Ringelnatz zitierte. Doch sein Herz macht nicht mehr mit. Da fing er mit dem Weinen an – zwei Wochen lang. In der dritten kam er ins Spital. Jetzt ist er zurück – zu seinem letzten Akt.

Schlafen könnt‘ ich. Doch wer lebt morgen noch? Wer ist dann tot? 

Ich verschließe mein Herz nicht ganz. Doch schon zum großen Teil – zum Schutz.

Schlafen werd‘ ich nun, bin morgen wieder da…. und halte seine oder eine andere sterbend‘ Hand.

Gourmand oder Gourmet 

Zeit, Du bist gefräßig.

Unersättlich verschlingst 

Du die Wirklichkeit 

mit jeder Stunde,

als sögest Du das Leben

in Deinen Schlund.

Festkrallen möchte man sich

an jeden vergehenden  Augenblick

und schmerzvoll trauern

um jede verpasste Gelegenheit,

wütend ob seiner Blindheit.

Was hätte man noch alles tun

oder lassen können.

Welchen Genuss hat man verpasst,

ein Liebeswort, eine Umarmung, ein Kuss.

Wie dumm ist man im Jetzt,

nur klüger im Blick zurück.

Die Zukunft schrumpft,

die Wahl wird enger,

lohnt es sich noch 

etwas zu beginnen?

Doch kann die Lebenszeit

noch golden sein,

sie zwingt uns, 

den flüchtigen Moment zu schätzen.

Denn das letzte Tun

ist die beste aller Chancen.

Nur durch Endlichkeit 

ist man wahrhaftig glücklich.

Drum weine nicht

um eine verpasste Gelegenheit.

Kämpfe um jeden Funken der Freude und Liebe.

Sei ein Gourmet des Lebens.

Feiere jeden Wimpernschlag wie ein großes Fest.

Dann hast Du in der Zeit gelebt.

Berlin

Westberliner Flair,
der olle Muff vergangener Glanztage.
Der vergessene Koffer
in der Brasserie Alt-Tegel.
Flanieren in den Spätsommerkleidern
und Brillenketten aus der Vorwendezeit.
Sie genießen die Herbstsonne bei einem Glas Löwenbräu.
Großeltern spendieren den Enkeln ein Eis.
Selbst die Hunde bschnüffeln sich gediegen.
Urberliner unter sich,
die Welt könnte an der Mauer enden.

(Spätsommer 2011)

Freund

Wind, mein Freund!
Du verbeißt Dich in mein Dach.
Ich wollte Dir lauschen
wie Du Bäume zum schreienden Rauschen bringst
und Dosen zum Tanzen.
Du sollst den Regen peitschen
bis ich den Traumfänger wieder ins Fenster hänge.
Von tropfnasser Wut war nie die Rede!
Lass ab von meinen Schindeln!
Erzähle mir lieber vom Meer
und den prickelnden Sehnsüchten schlafender Frauen.

(30.09.2011)

Leben im Schließfach 

Wenn man in Z. auf der Post einen Brief aufgeben will, kann es einem passieren, dass sie einfach nicht öffnet. Eine Reihe von Kunden wartete heute geduldig und vergebens. Es gab zwar einen Aushang, jedoch für den Vortag. Aus „organisatorischen Gründen“ blieb die Post gestern geschlossen. Heute war deutlich zu hören, dass Mitarbeiter anwesend waren. Ich vernahm das Geräusch eines Hubwagens oder von etwas ähnlichem. Ein Kunde öffnete plötzlich  ein Schließfach und rief hinein: „Bleibt der Schalter heute unbesetzt?“. Das war auf dem ersten Blick sehr skurril. Wider Erwarten antwortete ihm eine weibliche Stimme aus dem Schließfach: „Ja, der ist geschlossen.“ Wie es denn mit einem Aushang wäre, fragte der Mann. Die Antwort konnte ich nicht verstehen.  Ich verließ im Zustand amüsierten Verdrusses das Gebäude.

Auf mein Rezept beim Arzt musste ich eine Dreiviertelstunde warten. Danach ging ich in den Park, um mich auf eine Bank zu setzen und mir so ein wenig die Zeit bis mein Bus abfuhr zu vertreiben. Hier fahren selten Busse. Für den Arztbesuch musste ich vier Stunden einkalkulieren. Zu meinem Erstaunen stellte ich fest, dass alle Parkbänke aus dem Park verschwunden waren – bis auf eine. Seltsamer Ort.

Verwaister Parkbankplatz

​Guck: gluck, gluck Glück!

Wenn du dein Glück absaufen lässt und dich selbst mit dazu, nur weil du von Selbstmitleid beschwerte Arme hast und deshalb nicht schwimmst, sind es nicht mehr nur die äußeren Umstände. Dann ist es die eigene Dummheit.

Wiederkehr

Er ist zurück. War vielleicht niemals weg. Mein Bruder hat wieder Krebs – in der Leber, bei der vor einem Dreivierteljahr ein großer Teil entfernt wurde. „Daran werden Sie sterben“, sagte ihm ein Arzt. Es ist schon schwierig, sich auf die positive Seite des Lebens zu schlagen.

Flickenteppich

Meine Welt wird löchrig. Gegenstände verschwinden für einen Bruchteil einer Sekunde und tauchen wieder auf – wie aus dem Nichts. Einzelne Buchstaben oder Ziffern auf dem Nummernschild eines vorausfahrenden Autos sind einfach weg. Ein Fehler meiner Photoshopaugen. Es sind keine Löcher, die anstelle der Dinge, die zu sehen sein sollten, auftauchen. Es ähnelt eher verwischter Farbe auf einem Bild. Das ist wohl die Kompensationsfähigkeit des Gehirns. Den Blinden Fleck nehmen wir ja auch nicht wahr. Wenn man den Daumen mit gestrecktem Arm hoch hält, scheint er an einer bestimmten Stelle im Sichtfeld ums erste Glied gebracht zu sein – visuell geköpft. Zu meinen Blinden Flecken haben sich weitere Guillotinen gesellt. Schön ist das nicht. Ich mag mich aber nicht daran reiben, was ich nicht mehr sehe, sondern daran halten, was mir bleibt. Das ist viel mehr, als eine drohende Fastblindheit durch AMD. Ich erfahre eine reiche Wirklichkeit und liebe die beste Frau der Welt. Sie ist mein schlagendes Herz. So lange ich ihre Liebe habe, bin ich sicheren Schritts und glücklich.

Deutsche Leichtkultur

Was reitet und leitet uns kulturell?

Ein System von Regeln und Gewohnheiten dienlich dem Zusammenleben. Da gibt es so einiges, das zum Abgewöhnen ist. Gottseidank gibt es die Sturm- und Drang Fraktion – generationsweise, nur nicht in der aktuellen. 

Stürmer und Drängler pflegen Leitkulturelles in den Müllcontainer zu werfen – Recycling nicht ausgeschlossen.  Es dreht sich der Zeiger der Kultuhr und schafft den Wandel. Niemand freut sich noch, wenn der Kaiser seinen Untertan anblitzt, angesichts der untergegangenen Hurrapatriotenbürgerpflicht und eines fehlenden Kaisers. Der letzte ging im Sommermärchen im Schlamm verlustig. Doch das nächste Loch tut sich schon auf, wenn das Schandmaul von Schandmalen spricht.

Brecht ihnen die gestreckten rechten Arme! Dieser Unkultur will niemand mehr folgen – abgesehen vom Wutbürger, der vom Nichts erzürnt im reichsten Land kehlig schreit: „Jetzt reicht’s!“ Nur was? Das weiß er nicht. Und die braunen Anzüge stechschreiten voran.

Das Kulturvolk klatscht hinter den Gardinen in die Hände oder mitunter sich selbst an die Stirn. 

Patriotismus ist wie eine Zwangsehe, denn sein Vaterland und den erzwungenen Ehepartner kann man sich nicht aussuchen. Den Gatten muss man nicht mögen, nur weil er’s ist. Dem Hugenotten dünkt es deutschleitend, dies Land zu lieben. Was und wehe, wenn man den Zwang nicht will. 

Manchmal ist das, was als religiöser Kitt verschrien, gleich haftend wie Knetgummi. Manche Fenster halten nicht.

Ihm ist es Offenheit, wenn wir uns unverschleiert die Hand zur Begrüßung geben! Das sei wahre Kultur. Ich hab sie satt – die Leid-Leitkultur. Guten Tag und Auf Wiedersehen! 

Der Fluss

Altern heißt, eine sich täglich verringernde Anzahl von Wahlmöglichkeiten. Loszulassen schafft Erleichterung. Altern bedeutet auch, sich täglich zu fragen, ob es sich lohnt eine Aufgabe zu übernehmen. Wenn sie nicht gut, wahr und wirklich notwendig ist, lässt man sie besser in den Fluss gleiten.