Abschied vom dicken B

Vor einigen Jahren brach ich in meiner Heimat alle Brücken ab und zog mit meinem Kram nach Berlin. Natürlich wegen einer Frau. Sie kam aus Ostdeutschland und ich aus dem westlichen Westen. Zuhause lief es schon lange nicht mehr gut. Meine Ehe war nicht mehr zu retten, mein Job war nur noch schlecht und meine Mutter war ein Jahr vorher gestorben, was mich zusätzlich aus der Bahn warf.

Berlin war keine wirkliche Lösung und ich bin auch nicht stolz auf meine Taten. Und damals entließ ein TV-Sender fast 300 meiner Kollegen, die in Berlin auf dem freien Markt waren. Auf mich hatte man also nicht gerade gewartet. Ich machte mich selbstständig und fiel auf die Schnauze. Meine neue Freundin entpuppte sich als Alkoholikerin. Ich geriet vom Regen in die Traufe. Nach drei Jahren trennte ich mich von ihr. Das war gar nicht so einfach, denn ich hatte kaum Geld, um wieder neu anzufangen.

In der Zwischenzeit hatte ich einen Job bei einer Produktionsfirma angenommen. Die  gesteckten Ziele konnten wir nicht erreichen. Und als mir ein Kölner TV-Sender einen Job in Leipzig anbot, zog ich erneut um. Ich dachte, ich hätte das harte Pflaster der Hauptstadt hinter mir. Doch es kam anders. In der Leipziger Redaktion blieb ich nur zwei Jahre, arbeitete einige Monate für ein Projekt in Köln, um abermals nach Berlin zu ziehen, weil dort meine damalige Freundin wohnte.

Diesmal hatte ich keine Aussicht auf einen Job. Irgendwie wollte ich auch nicht mehr recht und haderte mit mir und der Welt. Die Beziehung scheiterte u.a. daran. Ich glaubte schon längst nicht mehr an die Liebe, wohnte in einer Zweier-WG und lebte vom ALG-I. Irgendwann hatte ich genug vom Selbstmitleid. Ich musste mich aufraffen, zumal mein Körper mir signalisierte, dass er dringend Zuwendung brauchte. Die letzten Jahre hatten ihm arg zugesetzt und die Phase der Lethargie tat meinem Diabetes gar nicht gut – bis ich zusammenklappte.

Ich musste mich für einige Wochen krankschreiben lassen und begegnete der Liebe meines Lebens. Jetzt habe ich Berlin endgültig verlassen und wohne in Norddeutschland. Hier lebte und arbeitete ich schon vor 18 Jahren. Damit hat sich ein Kreis geschlossen. Hier möchte ich nicht mehr weg. Ich hab mein Herz gefunden und bin endlich glücklich! Wie ich das jetzt auf einmal wissen kann? Wer hier mitliest, kann sich vielleicht ein Bild machen. Es ist, was ist!

Erblickt und zugenickt

Du bist mir vertraut
Hast mich angeschaut
Mir zugenickt.
Als sich was zusammenbraut,
haben wir’s ausgebaut
und nun was aufgebaut,
zu sehen, ob’s hinhaut
mit uns. Hast mein Herz geraubt,
fast den Verstand geklaut,
harte Schale aufgeraut.
Das Leben ist noch nicht versaut.
Du hast mir Liebe geschickt,
hast mich angepickt,
angeleckt und behalten.

Ohne Angst

Ich behüte Dich ohne Angst und weiß genau, dass Du das Kostbarste bist, was mir im Leben geschenkt wurde. Du bedeutest mir mehr, als meine Worte tragen können und ich fühle mich geliebt von Dir. Darum empfinde ich grenzenlose Geborgenheit in Deinen Armen.

Joan Baez im Regen

Herz, es war so schön mit Dir auf dem Konzert im Stadtpark. Die alten Lieder klangen wie ein Echo aus vergangenen Zeiten, wo selbst wir noch zu klein waren. Sie betrat die Bühne wie ein Anachronismus und sofort füllte sie den Raum mächtig aus. Keine Lichteffekte, keine Bühnenshow, einfach nur Liedgut, Weltkulturgut. Joan Baez hat immer noch eine voluminöse kräftige Stimme, mit der sie zarte Lieder singt. Just Folk, reine Klänge.

Und wir im Regen, viele im Publikum, die noch einmal eine Kante älter waren als wir. Ehrwürdige Silberlocken, für die Woodstock gelebte Freiheit war. Zu unseren Füßen bildete sich Matsch, Woodstock für Arme.

Ich habe den Abend und die Nacht mit Dir genossen! Es war ein besonderer Morgen….. etwas zu früh vielleicht. Ich danke Dir und liebe Dich!

Alles ist gut

An dem Tag, an dem ich mir eine Duschmatte zulege, weil meine Beine nicht mehr über den Rand der Duschwanne heben kann, breche ich in Tränen aus. Dann wird es wohl Zeit für mich, mir schon einmal ein Grab zu kaufen und mein Testament zu verfassen.

Bei diesem Umzug habe ich gemerkt wie schnell ich mittlerweile aus der Puste bin. Das könnte an meinem Übergewicht und den 31 Jahren Rauchen liegen. Ich höre auch nicht mehr so gut wie früher oder vielmehr noch schlechter. Der Tinnitus ist schuld. Ganz sicher!

Kleine Texte kann ich nur lesen, wenn ich meine Arme ausstrecke oder über den Rand meiner Brille gucke, was ziemlich blöd aussieht – sagte man mir. Das liegt sicherlich an schwankenden Zuckerwerten. Glasklar!

Meine Knie krachen beim Treppensteigen: Liegt am Gewicht.

Manchmal schmerzt meine rechte Hüfte und ich kann mein Bein nicht mehr heben. Das liegt natürlich nur an einer schlechten Haltung beim fernsehen. Ich liege immer auf meiner rechten Seite. Irgendwann muss sich das ja auswirken.

Ich habe einen Wackelzahn. „Davon haben Sie noch Jahre etwas“, sagte mir der Zahnarzt. „Wann ist es soweit, Herr Doktor?“, fragte ich entsetzt. Das könne keiner so genau sagen, meinte er.

Wie erkläre ich mir nur die steigende Zahl der Falten, die meine Haut mittlerweile wirft? Irgendjemand muss  meine Hände über Nacht ausgetauscht haben. Die sahen gestern doch noch nicht so aus wie ein Akkordeon.

Gegen die Lachfältchen habe ich ja nichts, aber diesen Grand Canyon zwischen meinen Augen, an der Nasenwurzel, kann ich nicht mehr übersehen. Es lohnt sich nicht an sich selbst im Spiegel vorbeizuschauen. Das endet nur in „Zahnpasta am Mundwinkel“. Eine Katrastrophe: so lief ich vor wenigen Tagen in der Weltgeschichte herum und erst als ich im Fotofix Passphotos machen ließ, fiel es mir auf. Aber erst drei Tage später. Wie peinlich.

Ich trinke eindeutig zu wenig, denn mein Gedächtnis spielt mir manchmal Streiche. Ich vergesse Aufgaben, die ich gerade noch erledigen wollte. Das kann wirklich  am mangelnden Trinkbedürfnis liegen oder?

Ansonsten aber fühle ich mich sauwohl und bin verliebt wie ein 15-, ….nein, 25- …nein, wie ein 47-Jähriger! Alles ist gut.

Sorge

Sorge für eine kleine Freude pro Tag und du hast 365 Sorgen weniger im Jahr. Doch es gibt noch genug… die Sorge wird nicht arbeitslos, sie nagt an der Lebenszeit und macht vorzeitig alt. Wir teilen sie in Haupt- und Nebensorge in kleine und große. Große Sorgen drücken zwar, doch die vielen kleinen sind viel schlimmer, finde ich. Eine große merken wir sofort, die kleine springt so leicht auf deinen Rücken, dass du sie kaum bemerkst – bis dein Rücken ächzt, sich beugt und schließlich bricht. Drum sorge Dich nicht nur um andere, sondern auch für dich. Was nutzt dem Umsorgten, wenn du einmal nicht mehr bist?

Im Bus

Warten ist die Pest! Aber nicht mit Dir!  Unsere Busfahrt hätte bis ans Ende der Welt gehen können. Ich habe Deine Nähe so sehr genossen, dabei fahre ich weder sonderlich gerne Bus, noch dies für mehrere Stunden. Für mich vergingen sie im Nu und schon musste ich Dich verabschieden. Jeder Abschied ist wie ein kleiner Tod. Der Augenblick des „Verlustes“ schmerzt. Doch ich habe einen „Gewinn“ – Dich, mein Herz!

Vollbracht

Der Umzug ist vollbracht. Freitag fuhr ich mit dem Fernbus nach Berlin und stellte fest, dass mein ehemaliger Mitbewohner nichts vorbereitet oder gar vorgearbeitet hatte. Die Wohnung sah versifft aus und er hatte noch nichts gepackt. Ich überlegte, ob ich mich darüber sehr ärgern müsse und entschied mich, es einfach zu ignorieren. Dafür arbeitete er in den folgenden drei Tagen wie ein Berserker und keulte viele Umzugskartons nach unten – meine Kartons, denn er hatte so gut wie keine. Ein oder zwei hatte er noch von mir bekommen und beim Rewe holte er sich einige Bananenkisten.

Ich hatte alles im Voraus geplant, mir einen Transporter von einem Freund geliehen, aber ich muss gestehen: mein ehemaliger Mitbewohner ist mit seiner unkonventionellen Art auch fertig geworden. Auch wenn er an meinem letzten Abend (er hatte noch einen Tag mehr) plötzlich verschwand und sich mit seiner Freundin nach einem langen Streit versöhnte.

Eigentlich wollten wir die Wohnung noch putzen. Wir hatten beide bis zum Ende unserer Kräfte gearbeitet, Möbel getragen, Kisten und Kartons geschleppt, Altmöbel zum Reycyclinghof gebracht, die Wohnung gestrichen und geklönt. Vielmehr er hat geredet und ich habe zugehört. Die Trennung von seiner Freundin machte ihm Kummer. Er war keineswegs darüber hinweg, also hörte ich ihm zu, obwohl ich das alles schon auswendig kannte.

Als ich letztes Jahr eine Trennung hatte und auch schon davor, war ich derjenige, der ihm jede Story dreimal erzählte. Es war also ausgleichende Gerechtigkeit. Wirklich überraschend war die Versöhnung nicht. Ich frage mich, ob er jetzt wirklich in den Süden Deutschlands zieht, denn sie wollte lieber in der Hauptstadt bleiben. Mein Mitbewohner und ich hatten beide keine dauerhaften Stellen in Berlin gefunden. Der Moloch ist ein hartes Pflaster.

Jetzt arbeite ich nach einer langen Tour de Ost im Norden Deutschlands. Mal sehen, ob es hier besser läuft. Der TV-Markt ist ebenfalls ein hartes Pflaster geworden. Ich würde lieber für eine Zeitung arbeiten, aber nicht als freier Mitarbeiter. Nach 20 Jahren Fernsehen, ist es Zeit für einen Wechsel. Ich glaube, ich würde auch einen Job als Nachtportier übernehmen.

Mein Mitbewohner wird wahrscheinlich ein Referendariat machen und irgendwo im Süden Lehrer werden. Ich kann mir vorstellen, dass er sogar ein guter Lehrer wird. Letztes Jahr durfte er in einer sehr problematischen Schule im schönen Marzahn unterrichten. Er hielt es nicht durch, denn die lieben Kleinen verabredeten sich lieber zum Mord an einem Mitschüler, als sich für den Unterrichtsstoff zu interessieren.  Er hatte den Rektor, die Eltern und einige Kinder gegen sich und musste sich krankschreiben lassen. Alle Versuche, die Klasse zu befrieden, glichen dem Kampf des Don Quijote gegen die Windmühlen. Nach wenigen Monaten ging mein Mitbewohner auf dem Zahnfleisch, hatte schwarze Ränder unter den Augen.

Meine Freundin half tatkräftig mit, schleppte und rackerte sich ab. Ein Nachbar half uns, so dass wir in gefühlten anderthalb Stunden alles in der Wohnung hatten. Mein Herz und ich fuhren den Transporter wieder zurück nach Berlin, um dann mit dem Fernbus wieder nach Norddeutschland zu fahren. Eine Mammuttour an einem Tag.

Am Meer

Das ist gerade mein 16. Umzug seit 1990. Es wird nicht der letzte sein. Mindestens einer wird noch in diesem Jahr erfolgen. Insgesamt werden es wohl noch zwei oder drei. Aber dann muss Schluss sein! Dann möchte ich mit Dir zusammen, wo auch immer leben und nie wieder umziehen.
Das Haus am See oder mein so oft geträumtes Haus an einem noch unbekannten Meer wird es erst im hohen Alter geben. Dort, wo die nachmittägliche Sonne das Haus durchflutet – von der Terrasse bis zum Eingang. Wo ich ein Lachen vom Strand her vernehme und zu Euch gehe – zu Dir und Deinen Lieben. Meine Tochter wird auch dort sein und unsere Kindeskinder. Mein Traum war so voller Glück. Aber jedesmal, wenn ich freudig zu Euren Stimmen wollte, endete er.
Vielleicht ist das mein letzter Augenblick im Leben – endlich im Zustand vollkommener Gelassenheit und voller Liebe.

Nähe

Bis ich Dich traf….

war Liebe am Ende nur ein Wort, Verlässligkeit ein Lippenbekenntnis.
Bis ich Dich traf, flogen Schmetterlinge schnell davon und Gespräche versickerten im Sand.
Bis ich Dich traf, war spüren lediglich eine Berührung und fühlen eine Sinneserfahrung.
Bis ich Dich traf, hatte ich die Romantik begraben und wähnte Prinzessinnen im Traumland.
Bis ich Dich traf, fiel mein Anker nur auf Sand und die Ladung wurde nie gelöscht.
Bis ich Dich traf, war ich ein Nomade und Zuhause nur ein Ort.
Bis ich Dich traf, wusste ich nicht, was Liebe ist.